Stress als biologisches Prinzip
„Stress ist unser ständiger Begleiter, so lange wir leben. Er sitzt mit uns am Tisch, er geht mit uns schlafen, er ist dabei, wenn leidenschaftliche Küsse ausgetauscht werden. Manchmal geht uns seine Anhänglichkeit auf die Nerven; dennoch verdanken wir ihm jeden persönlichen Fortschritt und erreichen durch ihn immer höhere Stufen geistiger und körperlicher Weiterentwicklung. Er ist die Würze des Lebens“, schreibt der Urvater des Stressphänomens Prof. Dr. Hans Selye (1907-1982).
Der Begriff Stress stammt aus dem Englischen und bedeutet Druck, Anspannung, Anstrengung, Beanspruchung. Was steckt tatsächlich hinter diesem facettenreichen Konstrukt? Angesichts der vielen heute kursierenden Definitionen keine leicht zu beantwortende Frage. Im Grunde verbindet die meisten Erklärungen folgende Kernaussage: Stress ist ein Spannungszustand, der entsteht, wenn etwas Unerwartetes passiert oder wir uns einer neuen oder schwierigen Situation gegenüber sehen und erwarten, die Herausforderungen mit unseren zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht bewältigen zu können. Dazu gehören Lebensereignisse oder -situationen wie der Tod eines geliebten Menschen, ein folgenschwerer Verkehrsunfall, die Scheidung vom Ehepartner, aber auch Überforderungen im Job und Konflikte mit Kollegen. Ebenso können alltägliche Ärgernisse an der Stressreaktion des Organismus beteiligt sein, also Dinge, die für sich genommen eher unerheblich wirken, wie der allmorgendliche Verkehrsstau auf dem Weg zur Arbeit, störende Geräusche oder abwertende Kommentare von Kollegen.
Im Vordergrund steht – angeregt durch die Überlegungen des Stressforschers Richard Lazarus – die subjektive Bewertung der jeweiligen Situation. Stress entsteht im Kopf und zwar dann, wenn bewusst oder unbewusst ein Kontrollverlust über das potenzielle Stressereignis wahrgenommen wird, weil die verfügbaren Möglichkeiten als unzureichend für die Anforderung beurteilt werden. Man merkt, dass man etwas nicht schafft. Dann erst reagiert unser Körper. „Entscheidend ist nicht, was mit jemandem geschieht, sondern wie er es aufnimmt.“ (Prof. Dr. Hans Selye)
Allerdings vernachlässigen die heutigen Definitionen, dass dieser Bewertungsmechanismus nicht zwangsläufig immer greift. Denn auf physiologische Stressoren, die direkten Einfluss auf unsere Zellen nehmen – sei es mangelnder Sauerstoffgehalt in der Luft, Sonneneinstrahlung oder Bewegung der Muskeln – reagiert der Organismus reflexartig und ohne komplizierte Umwege. Stress kann dementsprechend jeder erdenklichen Situation entspringen, die unseren Körper vom Normalzustand abweichen lässt und Anpassung verlangt – egal ob kognitive Beurteilungsprozesse zwischen-geschaltet sind oder eben nicht. „Der biologische Stressmechanismus läuft immer dann ab, wenn der Körper gefordert wird.“ (Prof. Dr. Hans Selye)
Diese Erklärung schließt ein neutrales Verständnis von Stress ein. Tatsächlich handele es sich zunächst um ein biologisches Prinzip, bestätigt Tobias Esch, Stressforscher an der Hochschule Coburg und der State University von New York. Und mehr noch: Stress ist ein lebenserhaltender Prozess, der die Funktionstüchtigkeit und das körperliche Gleichgewicht unseres Organismus durch ausgeklügelte Anpassungsmechanismen sichert. „Wir brauchen Stress, um zu leben.“ (Peter Heilmeyer, Leiter der Reha-Klinik Überruh in Isny bei Ravensburg und Autor des Bestsellers „Gesund durch Stress“) Beispielsweise bedeutet jegliche Art von Aktivität Stress für unsere Zellen, weil sie den Organismus sanft schädigen und die gezielten Gewebsläsionen den Austausch alter, funktionsgeminderter Zellen durch neue und leistungsfähigere anregen. Außerdem lernen wir durch Stress. Während wir Anforderungen bewältigen, generieren wir Handlungsalternativen, die in der nächsten Situation wieder angewendet werden können. „Stress sorgt dafür, dass wir uns entwickeln.“ (Joachim Kugler von der Technischen Universität Dresden)
Vor dem Hintergrund der vorangehenden Erläuterungen bildet Selyes Definition von Stress eine Zusammenfassung, die kaum mehr missverstanden werden kann: „Stress ist die Summe aller Adaptationsvorgänge und Reaktionen körperlicher wie psychischer Art, mit denen ein Lebewesen auf seine Umwelt und die von innen und außen kommenden Anforderungen reagiert.“