Stress als Überlebensinstinkt

„Stress ist eine Form von Ignoranz. Dem Gestressten erscheint alles als Notfall.“ (Natalie Goldberg) Stress ist eine Notfallreaktion, die zur Sicherung des Überlebens innerhalb der nächsten Minuten bestimmt ist. Der Organismus kann durch die Aktivierung seines Alarmsystems blitzschnell auf drohende Gefahren reagieren – mit verbesserter Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft. Die aktuelle Situation – ein drängender Abgabetermin, ein Konfliktgespräch oder ein Stau – löst Signale aus, die in das limbische System unseres Gehirns wandern. Dort werden sie bewusst oder unbewusst mit unseren Vorerfahrungen verglichen und als bedrohlich oder unbedenklich eingestuft.

Denken wir an den Steinzeitmenschen: Innerhalb von Sekunden wird sein gesamter Körper mit Sauerstoff und Blutzucker versorgt, seine Pupillen und Bronchien weiten sich, er atmet schneller, seine Muskeln spannen sich an, er beginnt zu schwitzen und verspürt Angst. Seine Sinne schärfen sich und sein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. „Ich muss den Tiger im Auge behalten. Am besten treffe ich ihn mit dem Pfeil schräg von der Seite. Langsame Bewegungen, sachte, sachte.“ Es knackt im Gebüsch. Der Tiger setzt zum Sprung an. „Jetzt muss ich schnell reagieren…“ Funktionen, die der Urzeitmensch in dieser Notsituation nicht benötigt wie Immunabwehr, Verdauungs- und Sexualfunktionen, werden gehemmt. Es geht um die Rettung des Organismus in genau diesem Moment – Kampf oder Flucht!

Der Tiger ist erlegt. Er hat den Menschen mit seinen Krallen an den Beinen verletzt. Doch das Blut gerinnt schnell, Schmerzen spürt er kaum und erst, als er sich aufmacht, die erlegte Beute in seine Höhle zu bringen, spürt er den Druck seiner gefüllten Blase. Abends sitzt er zusammen mit seiner Familie am Feuer. Sein Stresssystem hat sich wieder herunter reguliert und sein Körper erholt und regeneriert sich. Im Schlaf hinterlassen die Erfahrungen Gedächtnisspuren in seinem Gehirn. Der Organismus hat die Situation bewältigt und gelernt. In Zukunft wird er noch reaktionsschneller und anpassungsfähiger sein.

In Wirklichkeit sind die Regelkreisläufe erheblich komplexer. Verschiedenste Botenstoffe, Hormone, Zellen und Prozesse sind daran beteiligt und sorgen für das körperliche Gleichgewicht. Die fein aufeinander abgestimmten Selbstregulationsmechanismen machen bei dauerhafter Alarmbereitschaft allerdings schlapp, denn das System ist lediglich zum Überleben in akuten, kurzen Stressphasen gemacht.

„Stress ist ein zweischneidiges Schwert. Wir brauchen ihn, um einen einzigen Tag zu überleben. Gleichzeitig kann er Menschen zum Verhängnis werden.“ (Stressforscher Bruce McEwan von der Rockefeller University)